Zeitstrahl

Zweitausend Jahre Friesdorf

Vom römischen Landgut an der Arndtruhe bis heute: 104 Stationen der Friesdorfer Geschichte, jede belegt in den beiden Bänden der Geschichte von Friesdorf. Die NS-Zeit ist mit 28 Stationen ausführlicher dargestellt.

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Band I · Kapitel 1 · 2 Stationen

Römerzeit bis 500

Friesdorf in der Römerzeit

  1. spätestens 2. Jh. n. Chr.

    Ein römisches Landgut an der Arndtruhe

    Auf der Mittelterrasse über dem Kluftertal stand spätestens seit dem 2. Jahrhundert eine römische Villa rustica – ein Landgut von rund 3000 m² im Versorgungsgürtel der Bonner Legion.

    Band I · Kapitel 1

    Friesdorf lag damals im Süden der Provinz Germania inferior, etwa sechs Kilometer südlich des Bonner Legionslagers. Seit 1876/86 wurde die Villa in fünf Grabungen untersucht. Sie besaß eine Badeanlage, einen zentralen Hof, ein Obergeschoss in Fachwerk und wohl einen Keller. Ein besonderes Stück ist eine 2,04 Meter hohe kannelierte Säule aus rotem Sandstein, die einst im Garten der Arndtruhe stand und später ins Landesmuseum Bonn kam.

  2. 241–244 n. Chr.

    Ein Weihestein für Kaiser Gordian III.

    Oclatius Sacerdos, ranghöchster Centurio der Bonner Legio I Minervia, lässt einen Weihestein für das Heil Kaiser Gordians III. und der Kaiserin Sabinia Tranquillina errichten.

    Band I · Kapitel 1

    Der Block aus Berkumer Trachyt misst 92 × 80 × 28 Zentimeter und war wohl die Basis einer Statue. Geweiht war er der Fortuna der Legion, nach heutigen Ergänzungen der stark verwitterten Inschrift auch weiteren Gottheiten. Jahrhunderte später diente er als Altar der Klufterkapelle. Wilhelm Dorow beschrieb ihn 1823; heute steht er im LVR-LandesMuseum Bonn. Dass die Kapelle auf einem römischen Heiligtum stand, ist nicht nachgewiesen.

    Ein vergleichbarer römischer Weihestein vom Niederrhein – nicht der Friesdorfer Stein.
    Ein vergleichbarer römischer Weihestein vom Niederrhein – nicht der Friesdorfer Stein. Foto: Axel Kirch, CC BY-SA 4.0

Band I · Kapitel 2 · 4 Stationen

Frühmittelalter 500–1000

Friesdorf im Frühmittelalter

  1. 7. Jh.

    Fränkische Gräber am Frankengraben

    Am Rand des alten Ortskerns liegt ein fränkisches Gräberfeld. Ein Grab mit Breitsax, Lanzenspitze und Messer datierte das Landesmuseum Bonn in das 7. Jahrhundert.

    Band I · Kapitel 2

    Funde kamen dort nach der Ortsüberlieferung schon 1881 und 1926/27 zutage, 1960 ein Grab mit dem Bruchstück eines silbernen Armrings und einem tönernen Spinnwirtel, 1969/70 weitere Gräber, teils mit Steineinfassung. In den Fundberichten heißt die Straße noch Kirchhofgrabenweg. Der Ortsname Fritigesdorp, „Dorf des Fritigis“, geht auf einen fränkischen Personennamen zurück; die Siedlung ist wahrscheinlich im 6. oder 7. Jahrhundert entstanden.

  2. 722/23

    Mögliche erste Erwähnung: Fritigestorp

    In einer Ortsnamen-Notiz aus dem Kopialbuch des Bonner Cassiusstifts erscheint Friesdorf als „Fritigestorp“. Die Godesberg-Nennung derselben Notiz datiert Levison auf 722/23 – dass auch Friesdorf schon damals genannt wurde, ist möglich, aber nicht gesichert. Sicher belegt ist Friesdorf erst mit der Alvard-Schenkung 819–841.

    Band I · Kapitel 2

    Die Urkunde selbst ist verloren. Erhalten blieb nur ein Auszug mit den Ortsnamen, den der Kölner Patrizier Johann Helman (gest. 1579) aus dem Kopialbuch des Bonner Cassiusstifts abschrieb – bevor dessen Archiv 1587 im Truchsessischen Krieg weitgehend unterging. Der Auszug beginnt mit den Worten „In pago Bonnensi in villa quae dicitur Fritigestorp“: im Bonner Gau, in einem Dorf, das Fritigestorp genannt wird.

  3. 819–841

    Alvard schenkt einen Friesdorfer Weinberg

    Der Laie Alvard schenkt der Bonner Remigiuskirche einen Weinberg „in der Gemarkung, die Fristorp genannt wird“ – der älteste Beleg für Weinbau in Friesdorf.

    Band I · Kapitel 2

    Die Urkunde ist die älteste vollständig überlieferte Nennung Friesdorfs. Datiert ist sie über die Amtszeit des Kölner Erzbischofs Hathabald (819–841). Die beschenkte Remigiuskirche hing vom Bonner Cassiusstift ab; Alvard sicherte sich mit der Gabe das fortwährende Gedenken im Gottesdienst. Der Weinbau blieb für den Friesdorfer Talhang bis weit in die Neuzeit prägend; Flurnamen wie „hinter Crochter Capellen“ oder „Moersgrube“ erinnern daran.

  4. 21. April 956

    Otto I. bestätigt Gandersheim den Hof Crucht

    Eine Urkunde Ottos I. bestätigt dem sächsischen Frauenstift Gandersheim seinen Besitz Crucht – die erste sichere Nennung des späteren Klufterhofs.

    Band I · Kapitel 2

    An das Stift am Harz kam der Besitz durch König Arnulf (887–899): Die Urkunde von 956 berichtet, er habe Gandersheim alles übertragen, was er „in Cruft“ besaß; eine eigene Urkunde Arnulfs ist nicht erhalten. Nicht gedeckt sind nur die mitunter genannte Jahreszahl 852 und eine namentliche Bestätigung durch Otto I. im Jahr 947. Am 22. Juni 1206 bestätigte Papst Innozenz III. dem Stift erneut die Besitzungen Crucht, Calchem und Bliterstorph mit ihren Kirchen und Weinbergen.

Band I · Kapitel 3 · 9 Stationen

Hochmittelalter 1000–1350

Friesdorf im Hochmittelalter

  1. 1139

    Wolframmus de Friderichistorp

    Als Zeuge in einer Urkunde Erzbischof Arnolds I. von Köln erscheint unter den Ministerialen Wolframmus de Friderichistorp – der älteste bisher bekannte Träger des Friesdorfer Herkunftsnamens.

    Band I · Kapitel 3

    Mit ihm beginnt eine Reihe von Urkunden, in denen Angehörige dieser Niederadelsfamilie über zwei Jahrhunderte auftreten: als Zeugen, als Vögte über Güter in Crucht und Plittersdorf und als Pächter des Kölner Andreasstifts. Ob zwei frühe Wohltäter des Klosters Rolandswerth auf Nonnenwerth zur Familie gehörten, ist offen; ihre Namensformen können auch Fritzdorf meinen. Der letzte Träger des Rittertitels, Rutgerus, ist 1328 belegt. Ihr Sitz war vielleicht das Turmhaus.

  2. 12. Jh.

    Das Turmhaus – romanischer Bau

    Das Turmhaus an der Annaberger Straße, im Volksmund „Die Burg“, stammt nach dem Kunstdenkmäler-Inventar aus dem 12. Jahrhundert; vielleicht war es der Sitz der Ritter von Friesdorf.

    Band I · Kapitel 3wahrscheinlich

    Paul Clemen beschrieb den Bau als romanisch: Bruchstein, Basalt in Fundament und Sockel, rundbogige Fenster mit Tuffeinfassung. Im Keller fand er Reste, die von einem noch älteren Bau herzurühren scheinen. Die Jahreszahl 1777 am Torweg bezeichnet eine spätere Umgestaltung, keinen Neubau. Ab 1387 war das Haus Lehen der Abtei Siegburg. Das 2004 eingeführte Ortswappen zeigt das Turmhaus.

    Das Turmhaus in Friesdorf, um 1900.
    Das Turmhaus in Friesdorf, um 1900. Archiv Andreas H. Giersberg
  3. 1167

    Ein verwahrlostes Gut wird neu verpachtet

    Propst Conrad vom Kölner Stift St. Severin findet in „Friderichesdorp“ ein verwahrlostes Gut und setzt zwei Pächter ein. Ob dieses Gut im späteren Klufterhof aufging, ist offen.

    Band II · Kapitel 11

    Heidenricus und Bertheit mussten jährlich zur Herbstzeit je zwei Ohm Wein „vom besten, der auf diesem Gut wächst“ in den Keller der Brüder liefern. Die Urkunde ist die älteste Friesdorf betreffende im Heisterbacher Urkundenbuch, entstanden 22 Jahre vor der Gründung der Abtei Heisterbach. Die Klosterarchivare führten sie später unter dem Klufterhof. Nach dem Wortlaut der Tauschurkunde von 1203 ging das Gut an die Bonner Kirche, nicht an Heisterbach.

  4. 1219–1223

    Neun Jahre im Bann: ein Wunderbericht

    Der Heisterbacher Mönch Caesarius erzählt in seinem „Dialogus miraculorum“ von den Bewohnern des Cruchterhofs, die unschuldig aus der Kirche ausgeschlossen worden seien.

    Band I · Kapitel 3

    Neun Jahre lang hätten sie geduldig keine Kirche besucht; beim Einkaufen legten sie stumm das Geld hin und zeigten auf die Ware. In dieser Zeit, so Caesarius, sei dort niemand geboren worden und niemand gestorben. Als Tatsachenbericht taugt die Wundererzählung nicht. Sie zeigt aber, dass der Hof um 1220 im Kloster Heisterbach bekannt war und seine Bewohner der Bonner Geistlichkeit unterstanden.

  5. 11. Mai 1244

    Ein Weinhof für das Kölner Andreasstift

    Das Kölner Stift St. Andreas überlässt Ritter Hermann von Friesdorf und Antiphona Haus, Weingärten und Äcker in Friesdorf – gegen zwei Fuder „besseren Weines“ im Jahr.

    Band II · Kapitel 17

    Zwei Fuder sind nach Kölner Maß rund 1.750 Liter. Das Stift stellte die Fässer und ließ sie in Plittersdorf oder im Hafen „Kaldenhausen“ abliefern; von dort ging der Friesdorfer Wein auf dem Rhein nach Köln. 1328 verpachtete das Stift den Hof an sieben Pächter; dazu gehörten „ein Weingarten auf dem Berge u. einer gegenüber der Kirche“. Kelterhaus und Keller des alten Hofes sollten stehen bleiben.

  6. Oktober 1245

    Ritter Wigand gibt die Vogtei auf

    Ritter Wigand von Friesdorf gibt die Vogtei über Crucht durch Halmwurf, eine alte Rechtsgeste, an seinen Lehnsherrn zurück. Damit ist der Hof vollständig vogteifrei.

    Band II · Kapitel 11

    Der Lehnsherr Lothar von Wickrath überließ die Vogtei sogleich der Abtei Heisterbach – gegen acht Ohm Wein jährlich auf ewig. Schon 1200 hatte Heisterbach die Vogteirechte Heinrichs von Friesdorf abgelöst. Für die Ritterfamilie bedeutete der Schritt den Verlust ihres wichtigsten wirtschaftlichen Ankers in der Gemarkung. Den Hof selbst hielt Heisterbach seit 1207 als Lehen des Stifts Gandersheim.

  7. 1. Mai 1318

    Verkauft für 50 Pfund französische Turnosen

    Äbtissin Sophia von Gandersheim verkauft den Cruchterhof endgültig an die Abtei Heisterbach – für 50 Pfund große Turnosen des Königs von Frankreich.

    Band II · Kapitel 11

    Seit dem 3. Februar 1207 hatte Heisterbach den Hof als Lehen gegen jährliche Weinabgaben bewirtschaftet; nun wurde die Abtei Eigentümerin und blieb es bis zur Säkularisation. Mit dem Erlös hatte Gandersheim nach dem Wortlaut der Urkunde bereits die benachbarte Burg Gandersheim gekauft – Geld aus dem Rheinland floss so ins sächsische Kernland des Stifts. Dass beide Seiten in französischer Silberwährung rechneten, zeigt die Einbindung des Rheinlands in den europäischen Zahlungsverkehr.

  8. Mitte 14. Jh.

    Ein gotisches Kreuz an der Heerstraße

    Wo die Heerstraße Bonn–Koblenz den Weg von Friesdorf nach Plittersdorf kreuzt, entsteht das Hochkreuz. Seine Bauformen gehören der Gotik der Mitte des 14. Jahrhunderts an.

    Band II · Kapitel 13wahrscheinlich

    Die Überlieferung schreibt die Stiftung dem Kölner Erzbischof Walram von Jülich (1332–1349) zu – gestützt allein auf eine 1499 gedruckte Chronik; eine unabhängige Quelle dafür ist nicht bekannt. Sicher erwähnt wird das nach Paul Clemen fast elf Meter hohe Trachytkreuz erstmals 1445. Bis zu seiner Versetzung 1956/57 stand es auf Friesdorfer Gemarkung. Sagen erzählen von Sühne für eine Bluttat, etwa durch einen Friesdorfer Edelmann „von Hochkirchen“ – historisch belegt ist davon nichts.

  9. 28. Januar 1349

    Die letzte Spur der Familie von Friesdorf

    Bela, Tochter des verstorbenen Dederich van Vriestorp, verkauft mit ihrer Tochter Metze einen Erbzins an einen Bonner Bürger. Es ist die letzte Nennung des Herkunftsnamens; ob Belas Familie zu den Rittern von Friesdorf gehörte, ist offen.

    Band I · Kapitel 3

    Belastet wurden unter anderem ein Weingarten „in der Marvlachten“ und ein Haus zu Friesdorf – wo die „Marvlachten“ lag, ist heute nicht mehr bekannt. Einen männlichen Erben nennt die Urkunde nicht; schon seit 1328 erscheint kein Ritter von Friesdorf mehr. 1349 erreichte die Pest das Rheinland. Ob sie zum Erlöschen der Familie beitrug, lässt sich ohne weitere Quellen nicht klären.

Band I · Kapitel 4 · 7 Stationen

Spätmittelalter 1350–1600

Friesdorf im Spätmittelalter

  1. um 1300

    Friesdorf im Liber valoris

    Im „Liber valoris“ der Erzdiözese Köln, einem um 1300 angelegten Verzeichnis der Kirchen des Erzbistums, steht Friesdorf als Pfarrei („Crusty et Vrytzdorp“). Eine eigene Kapelle „zu Erucht“ nennt erst die Lokalliteratur, für 1378.

    Band II · Kapitel 16

    Über Jahrhunderte standen in Friesdorf zwei dem heiligen Servatius geweihte Kirchen: die Pfarrkirche am Turmhaus mitten im Dorf und die Kapelle am Ausgang des Kluftertals. Die Kapelle war Ziel einer Wallfahrt am Servatiustag, dem 13. Mai, Hinter ihr lag 1551 ein Viertel Weingarten der Abtei Heisterbach („hinder Crochter capellen“).

  2. 1387

    Johann Schall von Bell erhält den Turmhof

    Das Turmhaus geht als Lehen der Abtei Siegburg an Johann Schall von Bell – die erste bekannte Belehnung nach dem Verschwinden der Ritter von Friesdorf.

    Band I · Kapitel 4

    Johann war nach Berchem ein streitbarer Mann: 1415 lag er mit Christian von Zwingenberg in Fehde, 1419 zog er mit Sohn und Neffen gegen die Stadt Köln, deren Söldner daraufhin sein Burghaus Vorst bei Frechen niederbrannten. 1421 soll er gestorben sein. Der Hof blieb über Generationen bei seiner Familie und bis zur Säkularisation Siegburger Lehen.

  3. 3. Mai 1549

    Siegburg verkauft seine Rechte im Kottenforst

    In Poppelsdorf verkauft die Abtei Siegburg dem Erzbischof von Köln ihre Waldrechte im Kottenforst. Die Friesdorfer Adelshöfe bleiben Siegburger Lehen.

    Band I · Kapitel 4

    Turmhof und Plakenhof waren Siegburger Mannlehen; ihre Inhaber gehörten zu den „Viermännern“, den vier Lehnsleuten der Abtei mit Rechten im Kottenforst – Friesdorf stellte zwei davon. Der Verkauf ließ diese Lehen unberührt: Noch 1777 stellte die Abtei für den Turmhof einen Lehnbrief aus.

  4. 2. November 1562

    Sechs Friesdorfer legen neue Weinberge an

    Peter Scheefer, Lentzen Johan, Peter Murrer, Tewes Schwalff, Peter Aloffs und Johan des langen Telen Sohn erhalten Heide- und Buschland, um daraus Weinberge zu machen.

    Band II · Kapitel 11

    Das Land lag „oben der Croichter kirchen an der Steinkoulen“, oberhalb der Klufterkapelle bei einer Steingrube. Die sechs Männer mussten es binnen vier Jahren zu Weinbergen anlegen und jährlich auf Martini acht Raderalbus je Viertel in den Cruchterhof der Abtei entrichten. Die Urkunde nennt sechs Friesdorfer auf einmal; einzelne Einwohner sind schon früher namentlich belegt.

  5. 7. Juni 1580

    Erste Bergwerks-Belehnung am „Putzbergh“

    Erzbischof Gebhard Truchseß von Waldburg belehnt die Kölner Bürger Friedrich Hutten und Philipp Fuerde mit Bergwerken „bey vnnserm Dorff Friestorff In dem Putzbergh“.

    Band II · Kapitel 15

    Die Urkunde ist der älteste Beleg für Bergbau am Pützberg, mehr als zwei Jahrhunderte vor der üblichen Datierung 1807/09. Sie berichtet, dass schon unter einem Vorgänger Gebhards dort Bergwerke angefangen worden, dann aber ungebaut liegen geblieben waren. Ihre Erzliste folgt dem üblichen Formular; Alaun, Vitriol und Steinkohle wurden am Pützberg später tatsächlich gewonnen. Ob Hutten und Fuerde dort wirklich Bergbau trieben, ist offen.

  6. 1583–1589

    Im Kölnischen Krieg brennt der Cruchterhof nieder

    Im Truchsessischen oder Kölnischen Krieg brennt der Cruchterhof nieder – wie die Abtei Heisterbach und ihre Höfe in Königswinter und Plittersdorf. Das genaue Jahr ist nicht überliefert.

    Band I · Kapitel 4

    Erzbischof Gebhard Truchseß von Waldburg wollte das Erzstift Köln protestantisch machen; Truppen beider Seiten zogen durch das Land. 1583 wurde die Godesburg gesprengt und erstürmt, 1587/88 um Bonn gekämpft. Friesdorf selbst nennen die gedruckten Kriegsquellen nicht. Den Brand bezeugt eine Heisterbacher Urkunde von 1598: Die Höfe seien „in grundt abgebrandt“. Wann der Hof wieder aufgebaut wurde, ist nicht überliefert.

  7. 1595–1601

    Ein Friesdorfer Junker im Düsseldorfer Hofskandal

    Dietrich von Hall zu Uphoven, Sohn eines Junkers mit Hof in Friesdorf, wird einer Affäre mit Herzogin Jakobe von Baden bezichtigt – mitten im Machtkampf am Düsseldorfer Hof.

    Band I · Kapitel 4

    Der Kölner Chronist Hermann Weinsberg hielt das Gerücht 1595 fest. Jakobe starb 1597 unter ungeklärten Umständen. In Verhören 1599 und 1601 gab Dietrich den Ehebruch zu; nach dem Aktenbefund ist nicht auszuschließen, dass das Geständnis erpresst war. Er wurde zu 5000 Goldgulden verurteilt, für die sein Vater bürgen musste, und „für ewige Zeiten aus dem Reiche verbannt“, mit der Auflage, nach Indien oder Amerika zu reisen.

Band I · Kapitel 5 · 7 Stationen

Barock & Aufklärung 1600–1800

Friesdorf zwischen Barock und Aufklärung

  1. 1669

    Feuer, Tür und Kesselhaken: ein Rechtsritual

    Am 23. und 24. September 1669 nehmen Siegburger Abteibeamte zwei Friesdorfer Adelshöfe in einem alten Rechtsritual in Besitz. Unter den Zeugen: Johann Giersberg, Einwohner zu Friesdorf.

    Band I · Kapitel 5

    Ein Bonner Notar protokollierte jeden Schritt auf dem Binsfelder Hof: Gattertür auf und zu, Haustür auf- und zugeschlossen, Feuer entzündet und gelöscht, den Kesselhaken bewegt, den Topf abgenommen. Die Herren blieben über Nacht, am Morgen folgten Weingärten und Parzellen; auf dem Marienforster Hof brach man einen Zweig von einem jungen Nussbaum ab. So wollte die Abtei Siegburg ihre Lehnsrechte durchsetzen. Johann Giersberg ist der älteste bekannte Friesdorfer Giersberg mit Vornamen; den Familiennamen nennen schon die Steuerlisten von 1666/67: „Hall nun Giersberg“.

  2. um 1675

    Kohle gesucht, Torf gefunden

    Um 1675 lässt Kurfürst Maximilian Heinrich am Pützberg, dem heutigen Annaberg, nach Steinkohle schürfen. Gefunden wird nur Torf – so nannte man hierzulande die erdige Braunkohle. Weil man sie damals noch nicht als Brennstoff nutzte, werden die Arbeiten eingestellt.

    Band I · Kapitel 5wahrscheinlich

    Holz aus dem Kottenforst durfte nur mit Genehmigung des Kurfürsten geschlagen werden. Bergwerke am „Putzbergh“ sind schon 1580 bezeugt. Um 1750 ließ das Kloster Marienforst am selben Berg Torf und Braunkohle stechen und holte dafür Arbeiter aus Liblar; wegen des geringen Ertrags gab es auch diesen Versuch bald wieder auf. Die Suche nach Bodenschätzen am Pützberg führte schließlich 1809 zum Alaunwerk.

  3. 1748–1750

    Neues Kirchenschiff am alten Turm

    1748 bis 1750 erhält die baufällige Friesdorfer Pfarrkirche neben dem Turmhaus ein neues Schiff; der alte romanische Turm bleibt stehen.

    Band I · Kapitel 5

    Die Gemeinde gab 400 Taler, Pfarrer Leutzen 120 Malter Kirchheimer Kalk; den Rest der Kosten trug das Bonner Cassiusstift. Auf dem Kirchhof stand ein hohes Steinkreuz von 1742, das der Schöffe Leonardus Offenberg, Halfmann des Klufterhofs, und seine Frau Anna Catarina Baugs errichten ließen. Es blieb stehen, als man den Kirchhof 1888 einebnete, und steht heute im Garten des Hauses Im Bachele 1b.

  4. 1776/1777

    Der Minister kauft den Turmhof

    1776 kauft der kurkölnische Staatsminister Kaspar Anton von Belderbusch den Turmhof für 10.000 Taler. Über dem großen Torweg steht seitdem die Jahreszahl 1777.

    Band I · Kapitel 5

    Den Lehnbrief stellte die Abtei Siegburg am 10. Januar 1777 aus. Belderbusch, der bestimmende Politiker Kurkölns, wohnte in Bonn und kümmerte sich wenig um den Hof, der schon bauliche Mängel hatte; 1783 machte ihn der Besitz landtagsfähig. Mit dem Turmhof war das Recht verbunden, der Pfarrei einen Pfarrer vorzuschlagen – überliefert etwa für 1637, 1690 und 1766. Der Torbogen von 1777 ist heute Teil des Friesdorfer Ortswappens.

  5. 1794

    Die Klufterkapelle wird abgebrochen

    Die verfallene Servatiuskapelle am Klufterhof wird abgerissen. Dabei zeigt sich, dass ihr Altar ein wiederverwendeter römischer Weihestein war.

    Band I · Kapitel 5

    Die Kapelle bestand seit dem Mittelalter; im 16. Jahrhundert stritten Patron, Pfarrer und Gemeinde mit der Abtei Heisterbach um das Korn für zwei wöchentliche Messen dort. Wallfahrer verehrten den heiligen Servatius gegen die „Frieseln“, einen Hautausschlag. Der Standort blieb als „Kapellenplatz“ bekannt. Ob die Kapelle auf einem römischen Heiligtum stand oder den Stein nur wiederverwendete, ist ohne Grabung nicht zu entscheiden.

  6. 1794

    Die Franzosen kommen – Kurköln endet

    Im Spätherbst 1794 besetzen französische Revolutionstruppen das linke Rheinufer. Kurkölnische Herrschaft und altes Lehnswesen enden; 1798 kommt Friesdorf zum Rhein-Mosel-Departement.

    Band I · Kapitel 6

    Bonn wurde Hauptort eines Arrondissements, zu dem Godesberg und Friesdorf gehörten. Die Lehnsbindung des Turmhofs an die Abtei Siegburg, mehr als 400 Jahre alt, war faktisch erloschen. Die Kriegslasten stiegen massiv; ein Pachtbrief für den Klufterhof vom 22. Februar 1798 senkte deshalb die Abgaben. Nach dem Wiener Kongress kam das Rheinland an Preußen: Von 1815 bis 1904 gehörte Friesdorf zur Bürgermeisterei Godesberg im Kreis Bonn.

  7. 15. Juli 1796

    Notverkauf für 20.000 Reichstaler – nicht anerkannt

    Bedrängt von Krieg, Plünderungen und der Beschlagnahme ihrer linksrheinischen Einkünfte verkauft die Abtei Heisterbach den Klufterhof an die Bonnerin Elisabeth Schumacher. Die Franzosen erkennen den Verkauf nicht an.

    Band II · Kapitel 11

    Seit dem Spätherbst 1794 hielten französische Truppen das linke Rheinufer besetzt. Im Kaufbrief klagt das Kloster über Kriegskosten, Kontributionen und dreimalige Plünderung durch die Franken. Elisabeth Schumacher zahlte drei Viertel des Preises sofort, erhielt aber keinen gültigen Eigentumstitel; eine Randnotiz vermerkt: „Der Verkauf wurde von den Franzosen nicht anerkannt.“ Mit dem Frieden von Lunéville 1801 und dem Konsularbeschluss von 1802 fiel der Hof an den französischen Staat.

Band I · Kapitel 6 · 23 Stationen

Preußen & Industrie 1800–1914

Friesdorf zwischen Preußenzeit und Industrialisierung

  1. um 1800

    68 Morgen Reben rund um das Dorf

    In der französischen Zeit zählt die Gemarkung 68 Morgen Weinberge neben 749 Morgen Ackerland; die Reben bringen rund ein Zehntel des Reinertrags.

    Band II · Kapitel 17wahrscheinlich

    68 Kölner Morgen sind rund 21,6 Hektar; für 1809 nennt das Handbuch des Departements 21 Hektar 54 Ar. Die Tranchot-Karte von 1808/09 zeigt die Weinberge als geschlossenen Gürtel hinter den Häusern an Annaberger Straße und Klufterstraße und südlich des Klufterhofs. Angebaut wurde Rotwein; In Bonn wurde Friesdorfer Wein 1834 teurer gehandelt als Kessenicher. Schon 1864 waren nur noch rund vier Hektar übrig.

    Wo die Weinberge lagen: Rebflächen 1808/09 (rot) und 1846 (ocker) auf dem heutigen Ortsplan.
    Wo die Weinberge lagen: Rebflächen 1808/09 (rot) und 1846 (ocker) auf dem heutigen Ortsplan. Karten: GeoBasis NRW, DL-DE Zero 2.0; © OpenStreetMap-Mitwirkende, ODbL; Bearbeitung Friesdorf-Verlag 2026
  2. 1802/1803

    Säkularisation: Ende der Klosterherrschaft

    Auf dem linken Rheinufer hebt der Konsularbeschluss vom 9. Juni 1802 die Klöster auf, rechtsrheinisch folgt die Säkularisation nach dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803. Die Abtei Heisterbach, Grundherrin des Klufterhofs, wird 1803 aufgehoben.

    Band I · Kapitel 6

    Um 1800 zählte Friesdorf 404 Einwohner, die meisten arbeiteten im Taglohn. Mindestens 17 Grundherren und Zinsberechtigte hatten ihr Leben bestimmt – keiner von ihnen wohnte im Ort. Von der Säkularisation profitierten die Friesdorfer kaum: Die großen Liegenschaften gingen meist geschlossen an Käufer mit Barkapital. Den Klufterhof bewirtschaftete weiter die Pächterfamilie Birkhäuser; wann sie das Eigentum erwarb, ist nicht geklärt.

  3. 26. März 1807

    Versteigerung des Pützbergs: Beginn des Alaunwerks

    Theodor Quinck aus Bonn und Joseph Schmitz aus Koblenz ersteigern den Pützberg für 2.200 Francs. Daraus entsteht eine der vier Alaunhütten der Rheinprovinz.

    Band II · Kapitel 15

    Nach dem Konzessionsgesuch vom Juni 1808 und der Gewerbekonzession vom 15. August 1809 begann der industrielle Betrieb der Firma Quinck & Cie. Den Alaungehalt der Lagerstätte wies der junge Mineraloge Jakob Nöggerath nach; Teilhaber und Direktor des Werks war sein Vater Karl. Mit dem Décret Impérial vom 26. Dezember 1813 verlieh Napoleon die Konzession über zwölf Quadratkilometer. Die Vornamen der Käufer lebten in den Tagebau-Namen „Theodorswunsch“ und „Josephs-Zufriedenheit“ fort.

    Friesdorf und der Pützberg vor dem Bau des Alaunwerks, Kartenaufnahme 1808/09.
    Friesdorf und der Pützberg vor dem Bau des Alaunwerks, Kartenaufnahme 1808/09. Datenlizenz Deutschland – Zero 2.0
  4. 10. Nov. 1811

    Die älteste Karte des Alaunwerks

    Der Geometer Dreesen schließt die französische Katasterübersicht der Gemeinde Friesdorf ab. Westlich des Dorfes verzeichnet sie am Friesdorfer Bach eine „Fabrique d'Alun“ mit rot angelegten Gebäuden – die älteste bekannte Karte, auf der das Werk erscheint.

    Band II · Kapitel 15

    Die Detailkarte der Flur C zeigt die Fabrik auf den Parzellen 822 und 824. Die Tranchot-Aufnahme von 1808/09 hatte am Pützberg noch den „Friesdorfer busch“ ohne Werk gezeigt; die Preußische Uraufnahme von 1846 nennt die Stelle „Alte Alaunwerk“.

  5. 1. April 1812

    Äcker und Weinberge werden eingestuft

    In Friesdorf beginnt die französische „Taxirung und Klassirung der Grundgüter“: Jede Fläche erhält für die Grundsteuer eine Güteklasse, die Eigentümer sollen dabei sein.

    Band II · Kapitel 17

    Angekündigt hatte sie der Bonner Maire Belderbusch am 23. März 1812. Wahrscheinlich stammen daher die Bleistifteinträge auf der Katasterkarte von 1811 mit rund 30 beschrifteten Weinbergen. Klasse I war die beste Lage, jede höhere Ziffer bedeutete geringeren Boden und niedrigere Steuer. Die besten Weinberge liegen nur in der Dorfmitte, auf den Streifen hinter den Häusern an der Dorfstraße.

  6. 7. Jan. 1817

    Ein Fahrweg für das Alaunwerk

    Vom Werk am Pützberg führt nur ein Fußpfad ins Dorf. Die Gewerkschaft bittet um Hilfe für einen Fahrweg bis zur Landstraße Bonn–Koblenz – bisher müssen ihre Fuhren über Ippendorf und Poppelsdorf, nach ihren Worten ein „entsetzlicher Umweg“.

    Band II · Kapitel 15

    Bauen will sie auf eigene Kosten, vom Staat erbittet sie nur Eichenholz für die Brücken. Das Oberbergamt empfiehlt das Gesuch; unterschrieben hat unter anderen der Bergassessor Jakob Nöggerath. 1819 stehen die Brücken, am Weg aber ist kaum etwas geschehen; 1821 helfen Friesdorf, Dottendorf und Kessenich mit Arbeitern aus. Der Weg ist der obere Teil der heutigen Annaberger Straße.

  7. 1817

    William Turner malt das Hochkreuz

    1817 hält der englische Maler William Turner auf seiner ersten Rheinreise das Hochkreuz fest – inmitten von Feldern, im Hintergrund die Godesburg.

    Band II · Kapitel 13

    Das Aquarell zeigt einen Soldatentross auf der Koblenzer Straße, der die Größe des Pfeilers sichtbar macht. Mit den Beschreibungen von Eichhoff (1783) und Huepsch (1789) hatte die Wiederentdeckung des Kreuzes begonnen; nach Reisen 1821 und 1823 verbreitete Samuel Prout Hochkreuz-Bilder unter englischen Rheinreisenden. 1829 gab Oberpräsident Karl von Ingersleben den Anstoß zur ersten Konservierung. Turners Blatt ist heute im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen.

  8. 14. Dez. 1826

    Moll & Köhler übernehmen das Alaunwerk

    Mit Kaufvertrag vom 14. Dezember 1826 geht das Braunkohlen- und Alaunwerk an die Kölner Firma Moll & Köhler – Ludwig Ferdinand Köhler aus Elberfeld und Isaak Moll, je zur Hälfte.

    Band II · Kapitel 15

    Die Lokalliteratur datierte den Erwerb bisher auf 1828. Verwalter des Werks war seit spätestens 1822 Wilhelm Pfaffenberger; er blieb es bis zu seinem Tod 1856. Köhler besaß seit 1818 die spätere Villa Simons Im Bachele 1, die er „Ludwigslust“ nannte. Seit 1841 war Moll Alleinbesitzer.

  9. 23. April 1827

    „Für immer frey und offen“

    In Friesdorf verhandeln Landrat, Bürgermeister und Werk mit sechs Nachbargemeinden. Die Dörfer sagen 140 Spann- und 560 Handdienste zu; dafür verpflichtet sich das Werk, den privaten Werksweg „den Gemeinden für immer frey und offen zum Gebrauche zu belassen“.

    Band II · Kapitel 15

    Ein Handdienst war ein Tag Arbeit mit Hacke und Schaufel, ein Spanndienst eine Tagesfahrt mit Pferd und Wagen. „Frei“ hieß ohne Wegegeld, „offen“ ohne Sperre. Steinerne Brücken ersetzten die abgenutzten hölzernen; Ende 1829 war der Weg befahrbar, den Ausbau bezifferte die Gewerkschaft 1830 auf rund 2.500 Taler.

  10. 1827

    Drei Tage Tanzmusik zur Kirmes

    Im Bonner Wochenblatt vom 13. Mai 1827 lädt der Wirt Meunier zur Friesdorfer Kirmes ein – drei Tage Tanzmusik in einem neu erbauten Saal. Es ist der älteste bekannte Beleg des Festes.

    Band I · Kapitel 6

    Die Servatius-Kirmes zum Patronatsfest am 13. Mai war schon 1827 ein mehrtägiges Fest von Sonntag bis Dienstag. In den folgenden Jahren luden auch andere Wirte ein, etwa Johann Vershoven; das Gasthaus Vershoven am Waasem bestand seit 1793. Im Sommer gab es eine zweite, kleinere Kirmes: das Margaretenfest um den 20. Juli. 1908 fuhr die Dampfbahn an Kirmestagen mit doppelter Zugzahl.

  11. 1836

    Alaunwerk am Pützberg mit 200 Beschäftigten

    Auf seinem Höhepunkt 1836 beschäftigt das Werk etwa 200 Personen – Friesdorf selbst zählte um 1830 rund 700 Einwohner.

    Band II · Kapitel 15

    Drei Tagebaue von je Fußballfeldgröße und bis zu zehn Meter Tiefe, Laugenkästen, Siederei und „Krystallisations=Gebäude“ bildeten eine große Manufaktur, die ohne Dampfkraft arbeitete; das Werk gehörte zu den vier führenden Alaunhütten der Rheinprovinz. Aus der erdigen Braunkohle formte man außerdem Klütten, handgeformte Brennziegel. Die benachbarten Dottendorfer nannten die Friesdorfer daraufhin „Friesdorfer Klütten“.

    Alaunsiede-Vorrichtung zu Friesdorf, 1824.
    Alaunsiede-Vorrichtung zu Friesdorf, 1824. gemeinfrei
  12. 20. November 1842

    Die Brüder Wolter am Felsenkeller

    Eine Anzeige im „Bonner Wochenblatt“ bietet Bruchsteine „am Felsenkeller bei Friesdorf“ an, gezeichnet „Gebr. Nicola u. Anton Wolter, Bierbrauer“: Die Brüder verfügten schon 1842 über den Felsenkeller.

    Band II · Kapitel 14

    Beide Brüder waren damals Bierbrauer in Bonn. Nach der Verkaufsanzeige für Anton Wolters Nachlass wurde auf dem Friesdorfer Anwesen von 1851 bis 1886 eine Bierbrauerei betrieben.

  13. 1855/1856

    Die Eisenbahn fährt vorbei

    Am 15. Oktober 1855 geht die Bahn von Bonn nach Rolandswerth in Betrieb, im Januar 1856 bis Rolandseck. Sie führt östlich an Friesdorf vorbei – eine eigene Station erhält das Dorf nicht.

    Band I · Kapitel 6

    Stationen zwischen Bonn und Rolandseck waren nach dem ersten Fahrplan nur Godesberg und Mehlem. Wichtig für die Friesdorfer Pendler wurde erst die Dampfstraßenbahn Bonn–Godesberg, eröffnet am 22. Mai 1892 entlang der Bonner Straße; ab 1911 fuhr sie elektrisch, und im selben Jahr entstand in Friesdorf ihr Betriebshof. Viele Zuwanderer arbeiteten in Bonner und Poppelsdorfer Betrieben und wohnten wegen der niedrigeren Mieten in Friesdorf.

  14. 1859

    Mansarddach statt Abriss

    1859 hält ein Gutachter die Reparatur des baufälligen Turmhofs für kaum lohnend. Die Erben Karl von Boeselagers lassen ihn dennoch instand setzen – mit einem Mansarddach.

    Band II · Kapitel 12

    Seit 1834 gehörte der Turmhof Karl Freiherr von Boeselager; geerbt hatte er ihn über seine Frau Josephine von Belderbusch, ein Patenkind der Kaiserin Joséphine. Die Familie bewohnte den Hof nicht selbst. Herabfallende Schiefer des steilen Satteldachs gefährdeten Passanten, das Bürgermeisteramt Godesberg verlangte Abhilfe. Der Mieter musste zusichern, bei Reparatur oder Abbruch ohne Entschädigung auszuziehen. Das neue Mansarddach hielt bis 1944.

    Das Turmhaus mit dem Mansarddach, um 1910.
    Das Turmhaus mit dem Mansarddach, um 1910. Archiv Andreas H. Giersberg
  15. 1859

    Der Dombaumeister erneuert das Hochkreuz

    1859 wird das Hochkreuz nach Zeichnungen des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner durchgreifend erneuert – im Geist der Neugotik.

    Band II · Kapitel 13

    Im 18. Jahrhundert waren nur noch einige verstümmelte Statuen zu sehen; Huepsch erkannte 1789 Schäden durch Kanonenkugeln. Das alte eiserne Kreuz auf der Spitze war schon 1842 ins Bonner Museum gekommen, an seine Stelle trat nun eine Kreuzblume. Die neuen Figuren aus Burgsandstein – Christus, Johannes der Täufer, zwei Engel – hatte der Bildhauer Christian Mohr schon 1856 geschaffen. Das Kreuz wirkte danach vollständiger, trägt aber nur noch teilweise mittelalterliche Substanz.

  16. November 1874

    Die Reblaus auf dem Annaberg

    In der Baumschule auf dem Annaberg weisen Poppelsdorfer Forscher die Reblaus nach – der erste bestätigte Reblausfund im Deutschen Reich.

    Band II · Kapitel 17

    Befallen waren amerikanische Versuchsreben, die 1866 aus Washington gekommen waren. Dr. Kreusler und Professor Körnicke fanden das Insekt, als die Reben vor der Auflösung der Baumschule verlegt werden sollten. Die Stöcke wurden verbrannt, der Boden desinfiziert. 1878 trieben vernichtete Stöcke wieder aus, 1885 wurde die Laus auch in einem Friesdorfer Weinberg festgestellt.

  17. 1880

    Die erste Raiffeisenbank im Landkreis Bonn

    Am 4. Juli 1880 wird in Friesdorf der Spar- und Darlehnskassenverein gegründet – die erste Raiffeisenbank im ganzen Landkreis Bonn.

    Band I · Kapitel 6

    Gründer war Martin Faßbender, damals Student im letzten Semester, später Professor und Reichstagsabgeordneter. Er gewann zuerst den Gutsbesitzer Josef Peters vom Klufterhof, der Vorsitzender wurde; nach etwa einem Monat waren rund vierzig Mitglieder beisammen. Die Kasse gab Kredit an Kleinbauern, Handwerker und Tagelöhner und kaufte gemeinsam Kohlen, Saatgut und Dünger ein – 1881 kamen dreißig Waggon Kohlen nach Friesdorf. Der Friesdorfer Zweig gilt als ältester Gründungszweig der heutigen VR-Bank.

  18. 1886–1891

    Neugotische Pfarrkirche St. Servatius entsteht

    An der Annaberger Straße entsteht nach Entwurf der Bonner Firma Becker & Böhm eine dreischiffige neugotische Hallenkirche; die alte Pfarrkirche am Turmhaus wird 1888 abgebrochen.

    Band II · Kapitel 16

    Den Bauplatz „im Hostert“ hatte die Gemeinde 1885 im Tausch von Freiherrn von Böselager erworben. Am Kirmesmontag, dem 17. Mai 1886, wurde der Grundstein gelegt. Am Patronatsfest, dem 13. Mai 1888, benedizierte Dechant Neu aus Bonn die Kirche, die seither als Pfarrkirche diente. Am 20. Juli 1891 konsekrierte Weihbischof Antonius Fischer, später Erzbischof von Köln und Kardinal, die Kirche und ihre drei Altäre. Die größte Glocke, der heiligen Margareta geweiht, kam 1888 von der Glockengießerei Otto in Hemelingen bei Bremen.

    Der Innenraum der Pfarrkirche St. Servatius, um 1921.
    Der Innenraum der Pfarrkirche St. Servatius, um 1921. Archiv Andreas H. Giersberg
  19. 1886

    Schluss mit Rauch und Gestank

    Im Februar 1886 endet nach fast achtzig Jahren die Alaunerzeugung. Alaun ließ sich inzwischen „aus anderm Material auf kaltem Wege lohnender“ herstellen; dazu kamen das erschöpfte Tonlager und eine veraltete Herstellungsweise.

    Band I · Kapitel 6

    1841 wurde der Abbau nach Schweinheim verlegt, 1845 die Verarbeitung in eine neue Hütte am Fuß des Berges bei Godesberg. Die Dämpfe der Rösthalden, über die man Schwefelsäure goss, zogen bei Südwind bis nach Bonn; seit 1877 stritt der Kurort Godesberg mit der Hütte um Rauch und Gestank. In den Gebäuden arbeitete bis 1898 eine chemische Fabrik; 1890 verzichteten die Erben Brande auf das Bergwerkseigentum. Auf dem Höhepunkt um 1836 hatte das Werk etwa 200 Menschen beschäftigt; an der Godesberger Hütte arbeiteten 1854 noch 39 Mann.

    Die Godesberger „Alaun Hütte“ im Messtischblatt Godesberg, 1892–1899.
    Die Godesberger „Alaun Hütte“ im Messtischblatt Godesberg, 1892–1899. Landesarchiv NRW, CC BY-SA 4.0
  20. 4. Oktober 1898

    Die letzte angekündigte Lese

    Die Zeitung kündigt die Lese der Frühburgunder-Trauben an: „Die Quantität ist hier noch befriedigend, die Qualität gut.“ Danach erscheint keine Lese-Anzeige mehr.

    Band II · Kapitel 17

    In den 1880er und 1890er Jahren meldeten die Bonner Zeitungen die Friesdorfer Lese Jahr für Jahr; 1884 brachten die Trauben 20 Pfennig je Pfund. 1901 standen nur noch wenige Morgen Reben an der Wolter’schen Brauerei, ab 1907 nennt kein Adressbuch mehr einen Friesdorfer Winzer. Heute erinnert die Straße „Im Weingarten“ an den Weinbau.

  21. 1901

    Das „Klösterchen“ öffnet seine Türen

    Am 2. Juli 1901 wird die Kinderbewahrschule Paula-Maria-Stift drei Dernbacher Schwestern übergeben. Gestiftet hat sie Eugen Pfeifer vom Gut Annaberg; am ersten Tag kommen 110 Kinder.

    Band I · Kapitel 6

    In vielen Friesdorfer Familien mussten alle Erwachsenen außerhalb des Ortes arbeiten, doch die Gemeinde konnte eine Kinderbewahrschule nicht bezahlen. 1899 stellte der Kölner Zuckerfabrikant Pfeifer 10.000 Mark bereit und beschaffte das Grundstück. Das Haus, nach seiner Frau benannt, erhielt als erstes in Friesdorf fließendes Wasser. Die Schwestern betreuten Kleinkinder, gaben Mädchen Handarbeitsunterricht und pflegten Kranke und Arme; im Volksmund hieß das Stift „Klösterchen“.

  22. 1904

    Friesdorf wird Teil von Godesberg

    Am 30. Juni 1904 genehmigt König Wilhelm II. von Preußen die Eingemeindung durch Allerhöchsten Erlass. Mit dem 1. Juli 1904 endet die Selbständigkeit Friesdorfs nach mehr als tausend Jahren urkundlich belegter Geschichte.

    Band I · Kapitel 6

    Wasserleitung, Gasnetz und Kanalisation hatten die Landgemeinde überfordert: 1902 betrugen die Schulden gut das Vierfache des Jahresetats, die Gemeindesteuer lag bei 160 Prozent. Am 1. Dezember 1902 unterzeichneten zwölf Bürger um Gemeindevorsteher Josef Peters den Antrag an Godesberg; eine Gegenschrift warb 1903 für die Selbständigkeit. Der Vertrag vom 10. Oktober 1903 regelte Steuern und Kanalanschluss. Nach der Überlieferung erhielt Peters die Verfügung am Eingang des Klufterhofs.

    Der alte Klufterplatz, um 1904.
    Der alte Klufterplatz, um 1904. Verlag Ferdinand Koll · Archiv Andreas H. Giersberg
  23. 20. März 1909

    Arndt-Museum in der Arndtruhe eröffnet

    Im Hotel-Restaurant „Arndtruhe“ am Klufterbach wird ein „historisches Arndtzimmer“ eingeweiht, angeregt von dem Schriftsteller Joseph Lauff.

    Band II · Kapitel 14

    Das Lokal war aus der Waldschenke der Wolter’schen Brauerei hervorgegangen. Joseph Loevenich, Schwiegersohn der Mina Wallraff geb. Wolter, übernahm es zwischen Juli 1902 und Mai 1903 und baute es zur Hotelgaststätte aus. Der Name „Arndtruhe“ ist schon 1903 belegt, stammt also nicht von Lauff. Gegründet haben das Museum Loevenich und seine Frau Maria. 1921 verkaufte Loevenich seine Arndt-Erinnerungsstücke an die Stadt Bonn.

Band I · Kapitel 7 · 8 Stationen

Weltkrieg & Weimar 1914–1933

Friesdorf im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik

  1. 1914–1918

    Lazarett im Stift, Gefallene im Dorf

    Im Oktober 1914 nimmt das Paula-Maria-Stift als Lazarett die ersten Verwundeten auf. Bis Kriegsende verzeichnet die Schulchronik hundert katholische und fünf evangelische Gefallene aus Friesdorf.

    Band I · Kapitel 7

    Schon bis Ende November 1914 waren 23 Friesdorfer gefallen. Stifter Eugen Pfeifer stellte 20 Betten und trug die Kosten; 1915 wurden dort 157 Soldaten gepflegt, und die Stiftsküche gab täglich rund 200 Portionen Suppe aus. Schulkinder gruben eine Gemeindewiese für Kriegerfrauen um und sammelten Altmetall, Brennnesseln und Obstkerne. Ab November 1915 galten dienstags und freitags fleischlose Tage; 1917 musste St. Servatius zwei Glocken und die Orgelpfeifen abgeben.

  2. 31. Okt. 1918

    Bomben auf Bonn – eine Friesdorferin unter den Toten

    Kurz vor Kriegsende werfen britische Bomber neun Bomben über Bonn ab. Die Friesdorfer Schulchronik zählt 31 Tote, darunter die Friesdorferin Anna Riegel.

    Band I · Kapitel 7

    Nach Hedrich-Winter starben 30 Menschen, die städtische Zeittafel nennt 26.

  3. 1918/1919

    Kanadier in Schul- und Tanzsälen

    Nach Kriegsende quartieren sich kanadische Fußtruppen und eine Maschinengewehrabteilung in Friesdorfer Schul- und Tanzsälen ein. Die Bewohner müssen überzählige Betten abliefern.

    Band I · Kapitel 7

    Die „Maschinengewehrabteilung“ war die 1st Canadian Motor Machine Gun Brigade; nach ihrem Kriegstagebuch lag sie vom 14. Dezember 1918 bis zum 4. Februar 1919 in Friesdorf. Am 31. Dezember ließ sie sich vor der Gartenfront von Schloss Annaberg fotografieren. Am 3. Februar 1919 fuhren die Soldaten vom Bahnhof Mehlem nach Belgien, am 4. Februar folgten die Fahrzeuge. Danach kam eine englische Batterie; sie zog im Juni wieder ab, nur ihr Stab blieb auf Schloss Annaberg. Der Unterricht fiel bis zum 12. Januar 1919 aus. Ab Februar 1920 lösten französische Truppen die Briten in Bonn ab. Als letzter Friesdorfer Kriegsgefangener kehrte am 14. Juli 1920 Heinrich Peters vom Klufterhof aus dem russischen Orenburg heim.

    Schloss Annaberg, um 1910.
    Schloss Annaberg, um 1910. Kupfertiefdruck Koll-Verlag · Archiv Andreas H. Giersberg
  4. 5./6. Juni 1921

    Glockenbazar finanziert drei neue Glocken

    Nachdem 1917 zwei Glocken für die Kriegsrüstung abgegeben werden mussten, erbringt ein Glockenbazar der Pfarrgemeinde 145.000 Mark Reinerlös.

    Band II · Kapitel 16

    Pfarrer Heinrich Rembold, seit Oktober 1919 in Friesdorf, veranstaltete den Bazar zusammen mit den Vereinen. Rembold hatte 1920 die Gastwirtschaft „Zum Hähnchen“ im Bachele als katholisches Vereinshaus erworben und ließ im Eingang der Kirche einen Kriegergedenkaltar des Erkelenzer Bildhauers Tillmanns mit den Namen von 99 Gefallenen aufstellen. Vom Reinerlös bestellte die Pfarrei bei Otto in Hemelingen ein Dreigeläut für rund 120.000 Mark; dazu kamen elektrisches Licht mit einem großen schmiedeeisernen Kronleuchter und neue Orgelpfeifen der Bonner Firma Klais.

    Glockenbazar in Friesdorf, 1921.
    Glockenbazar in Friesdorf, 1921. Foto: Josef Düren · Archiv Andreas H. Giersberg
  5. 1923

    Ausgewiesen: Friesdorfer Eisenbahner im Ruhrkampf

    Nach einer Bombe an der Bahn zwischen Friesdorf und Dottendorf am 28. März 1923 nehmen die Franzosen etwa 30 Friesdorfer Eisenbahner fest. Am 14. April werden sie ausgewiesen; ihre Familien müssen binnen drei Tagen die Häuser räumen.

    Band I · Kapitel 7

    Alle kamen zunächst nach Eitorf an der Sieg, dann nach Bad Salzuflen. Nach einem Sprengversuch am Godesberger Bahndamm verhängte die Militärregierung zweimal eine Woche Ausgehverbot von 19 bis 6 Uhr. Zugleich fraß die Inflation die Löhne: Ein Brötchen kostete in Friesdorf 60.000 Mark, ein einzelnes Brikett später 1,5 Millionen. Quäker aus den USA ermöglichten eine Schulspeisung für 50 Kinder, und am 1. August 1923 entstand die „Sterbenotgemeinschaft Friesdorf“.

  6. 1926

    Glockengeläut zum Ende der Besatzung

    In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1926 läuten in Friesdorf zwischen 0 und 1 Uhr alle Kirchenglocken: Die Besatzungstruppen ziehen ab, am Montag ist schulfrei.

    Band I · Kapitel 7

    Nach den Verträgen von Locarno wurde die Kölner Zone, zu der Bonn und Godesberg gehörten, ab dem 30. November 1925 geräumt; Ende Januar 1926 zogen die letzten Truppen ab. Wenige Monate später, durch Erlass vom 10. Juni 1926, erhielt Godesberg die Genehmigung, den Namen „Bad Godesberg“ zu führen; zur Stadt erhoben wurde es erst 1935. Für Friesdorf, den nördlichen Ortsteil, änderte der Titel zunächst wenig.

  7. 1929

    Ein Dach für alle Friesdorfer Vereine

    Am 11. März 1929 konstituiert sich der Ortsausschuss Friesdorf als „Vertreterkörperschaft aller ortsansässigen Vereine“. Erster Vorsitzender wird Georg Bauerfeind.

    Band I · Kapitel 7

    Vorausgegangen waren 1922 eine Festgemeinschaft mehrerer Vereine und 1928 das Karnevalskomitee „Kleffbotze“. Im Ortsausschuss saßen Gesangvereine, Kirchenchor, Schützen, Turner, Fußballer – und der Ziegenzuchtverein, mit 180 Familien der zweitstärkste Verein im Dorf. Er übernahm Aufgaben, die früher der Gemeinderat hatte: Kirmes, Dorffeste, gemeinsame Anliegen. Die ersten Verhandlungen beherrschte ein Bus, der nur bis Dottendorf fuhr. Am 3. Februar 1937 löste die NSDAP den Ortsausschuss auf.

  8. 1932

    Zentrumshochburg: Friesdorf wählt gegen den Trend

    Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 erhält die NSDAP in Friesdorf nur 11,0 Prozent – reichsweit wird sie mit 37,3 Prozent stärkste Kraft.

    Band I · Kapitel 7

    In Friesdorf kam das Zentrum auf 43,6 Prozent, die SPD auf 21,7, die KPD auf 18,6 Prozent. Im November 1932 fiel die NSDAP im Ort auf 8,7 Prozent, und selbst am 5. März 1933 erreichte sie nur 19,0 Prozent. Vorsitzender des Godesberger Zentrums war der Lehrer Joseph Roth, seit 1924 mit einer Friesdorferin verheiratet. Am 13. März 1933 erzwang eine SA-Abteilung seine Beurlaubung.

Band I · Kapitel 8 · 28 Stationen

NS-Zeit 1933–1945

Friesdorf in der NS-Zeit

Die zwölf Jahre der NS-Zeit zeigt der Zeitstrahl dichter als die übrigen Epochen. Fahren Sie mit der Maus über eine Station – oder tippen Sie sie an –, um die Einzelheiten zu lesen. Personen werden so genannt, wie es das Buch tut.

  1. 5./12. März 1933

    Letzte Wahlen: Friesdorf bleibt Zentrumsdorf

    Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 gewann in Friesdorf unangefochten das Zentrum mit 41,7 Prozent; die NSDAP kam mit 19,0 Prozent auf Rang 2.

    Band I · Kapitel 8

    Noch im Juli 1932 lag die NSDAP in Friesdorf mit 254 Stimmen (11,0 Prozent) nur auf Platz 4, hinter Zentrum, SPD und KPD; im November 1932 sank sie auf 8,7 Prozent. Nach dem Reichstagsbrand verloren die Kommunisten am 5. März 1933 gut 40 Stimmen, die NSDAP errang 470 Stimmen. Bei den Gemeinderatswahlen am 12. März 1933 lautete die Verteilung: Zentrum 47,7, NSDAP 19,6, SPD 18,6, KPD 9,2 Prozent. Die KPD, die mit dem Friesdorfer Franz Pick ins Gemeindeparlament einziehen wollte, ging leer aus: Die kommunistischen Stimmen „fielen unter den Tisch“, für viele KPD-Mitglieder begann die „Schutzhaft“.

  2. 13./14. März 1933

    SA besetzt das Rathaus, Alef übernimmt

    Am 13. März 1933 besetzte eine SA-Mannschaft das Godesberger Rathaus und erzwang die „Beurlaubung“ von Bürgermeister Zander. Am Tag darauf übernahm Heinrich Alef als Staatskommissar faktisch das Bürgermeisteramt.

    Band I · Kapitel 8

    Auch an der Burgschule erschien eine SA-Abteilung von 20 bis 30 Mann und erzwang die Beurlaubung des Lehrers Joseph Roth, des Vorsitzenden der Godesberger Zentrumspartei. Der General-Anzeiger meldete am 14. März die Namen: Bürgermeister Zander, die Beigeordneten Fritzen und Voosen, Bürovorsteher Berresheim, Ingenieur Koll, Verwaltungsdirektor Gummersbach und Lehrer Roth. Koll sowie Gemeindevertreter von SPD und KPD kamen in „Schutzhaft“. Alef, seit 1930 NSDAP-Mitglied, wurde am 21. April 1933 förmlich zum Bürgermeister gewählt – in Abwesenheit der Gemeindevertreter von SPD und KPD. Das Oberverwaltungsgericht Münster stellte 1956 fest, er sei Bürgermeister geworden, „weil er Nationalsozialist war“.

  3. 13. März 1933

    SPD-Arbeiter aus dem Godesia-Werk abgeführt

    Am selben 13. März 1933 holten „Nazibeauftragte“ die sozialdemokratisch organisierten Metallarbeiter aus dem Godesia-Werk an der Friesdorfer Straße, darunter drei Friesdorfer.

    Band I · Kapitel 8

    Werkmeister Werner Wichterich stellte sich vor seine Leute: Wenn man sie nicht in Arbeitskleidung haben wolle, blieben sie hier. Abgeführt wurden die Friesdorfer Caspar Emsbach, Toni Mentis und Johann Huth – zuerst in die Druckerei Hesseler, dann zum Arresthaus am Markt. Am Gasthaus „Ännchen“ klatschten übergelaufene KP-Leute Beifall. Am Abend kamen die drei frei, blieben aber für die Dauer der NS-Herrschaft überwacht. Jeden Donnerstag trafen sie sich im Hause Huth, solange der Krieg es erlaubte – der einzige dokumentierte Friesdorfer SPD-Freundeskreis. Ein Spitzel prüfte einmal, ob ein Hitlerbild noch an der Wand hing.

  4. April–Juli 1933

    Ortsausschuss und der Dorfplatz „Am Waasem“

    Am 4. April 1933 erklärte der Ortsausschuss der neunzehn Friesdorfer Vereine, es sei „heilige Pflicht“, sich in den Dienst der neuen Zeit zu stellen. Zugleich entstand der neue Dorfplatz.

    Band I · Kapitel 8

    Vorsitzender Georg Bauerfeind gab die Erklärung in Anwesenheit von Pfarrer Dünner und Rektor Weißenfels ab. Beim Dorfplatz an der Gastwirtschaft Huth ging die Vereinswelt eigene Wege: Mit Zustimmung Bürgermeister Alefs versetzten 13 Mitglieder des Katholischen Arbeitervereins vom 24. Mai bis 1. Juni 1933 das Kreuz vor der Wirtschaft Wahlen auf den Platz. Die Urkunde im Sockel nennt Papst Pius XI., Hindenburg und Pfarrer Dünner, Hitler aber nicht. Bald diente der Platz als Sammelplatz für Propagandaveranstaltungen; spätestens im Oktober 1935 hieß er „Schlageterplatz“ (belegt bis 1944). Nach Kriegsende hieß er wieder „Am Waasem“.

  5. 1933

    Berufsverbot für Professor Hans Karl Rosenberg

    1933 verlor der Friesdorfer Professor Hans Karl Rosenberg, nach NS-Diktion „Halbjude“ und politisch im Zentrum engagiert, sein Amt an der Bonner Pädagogischen Akademie.

    Band I · Kapitel 8

    Rosenberg wohnte an der Hochkreuzallee 165 und war vor 1933 als öffentlicher NS-Kritiker bekannt; 1932 sprach er als Festredner bei der 25-Jahr-Feier der Friesdorfer KAB. Nach seiner Zwangsbeurlaubung (nach Moll im Frühjahr 1933) wurde er zurückgestuft und in den Ruhestand versetzt. Unter Pseudonym schrieb er für die Kirchenzeitung. Seit 1935 gehörte er dem Kirchenvorstand von St. Servatius an; ab November 1938 erschien er dort nicht mehr. 1939 zog die Familie nach Bad Godesberg, am 17. April 1942 starb er. Sein wiederkehrender Satz: „Was muß man noch alles tun, um ein guter Deutscher zu sein?“

  6. Juli 1933

    Heinrich Peters wird Ortsgruppenführer für Friesdorf

    Im Juli 1933 wurde Heinrich Peters, Gutsbesitzer vom Klufterhof, als Ortsgruppenführer der neu entstandenen NSDAP-Ortsgruppe Friesdorf bekanntgegeben.

    Band I · Kapitel 8

    Peters, früher Kapitän der Handelsmarine, war seit 1. November 1929 Parteimitglied. Sein Bruder Theodor Peters vom Klufterhof war von Oktober 1933 bis März 1941 Kreisbauernführer, Vorsitzender des Kriegervereins und 1936/37 Stadtrat. Peter Kläser sen., Landarbeiter auf dem Klufterhof, saß ab 1933 für die NSDAP in der Gemeindevertretung. Die Ortsgruppe gliederte sich in Zellen und Blöcke; ein Block umfasste 40 bis 60 Haushalte, oft nur ein paar Häuser einer Straße. Der Blockleiter führte eine Kartei über „seine“ Haushalte und sollte Verbreiter „schädigender Gerüchte“ melden. Ende 1934 wurde Peters Amtsbürgermeister von Villip.

    Die NS-Ämter in Bad Godesberg und Friesdorf 1933–1945.
    Die NS-Ämter in Bad Godesberg und Friesdorf 1933–1945. Grafik: Friesdorf-Verlag 2026
  7. Juni–Okt. 1933

    Gleichschaltung der Friesdorfer Vereine

    Zwischen Juni und Oktober 1933 gerieten die Friesdorfer Vereine unter Druck: Jugendvereine wurden vorübergehend aufgelöst, Vorstände nach dem „Führerprinzip“ neu besetzt.

    Band I · Kapitel 8

    Am 5. Juli 1933 meldete der General-Anzeiger, die katholischen Jugend- und Jungmännervereine von Godesberg, Friesdorf, Plittersdorf und Mehlem seien aufgelöst und ihre Heime geschlossen; das Verbot hatte zunächst keinen Bestand. Im Juni 1933 trat der Vorstand des Ballspielvereins 09 nach den Richtlinien des Reichssportkommissars zurück. Am 15. Oktober 1933 wurde die Sterbenotgemeinschaft Friesdorf mit 880 Mitgliedern gleichgeschaltet; im Auftrag der Ortsgruppenleitung sprach Kreisbauernführer Theodor Peters. Die Deutsche Arbeitsfront unterhielt ab Mai 1933 eine Ortszelle in Friesdorf. Die DJK Concordia Friesdorf wurde 1935 verboten und aufgelöst.

  8. 14. Sept. und 5. Okt. 1933

    Steinwürfe auf das Pfarrhaus von St. Servatius

    In zwei nächtlichen Überfällen wurde das Pfarrhaus von Pfarrer Wilhelm Dünner angegriffen; beim zweiten flogen rund 80 Halbziegelsteine gegen die Fenster.

    Band I · Kapitel 8

    Anlass war die Versetzung von Kaplan Hubert Scheidt, der nach einer Erklärung Alefs schon zwei Jahre NSDAP-Mitglied war. Am 14. September 1933 forderte ein Sprechchor Dünners Weggang; Bürgermeister Alef bat ihn, die Nacht außerhalb zu verbringen, weil er für seine Sicherheit nicht bürgen könne. Am 5. Oktober zertrümmerten Steine auch das Herz-Jesu-Bild am Eingang. Am 8. Oktober sagte Dünner in der Messe, er könne „nicht mehr schweigen“; die fünf katholischen Standesvereine verlangten von Alef die Verfolgung der Täter. Weil sein Leben bedroht schien, lebte Dünner bis 8. Januar 1934 in Köln. Nach Schwalb verzichtete er testamentarisch auf eine Strafverfolgung; nach dem Krieg kam es nie zu einer Anklage.

  9. 12. Nov. 1933

    100 Nein-Stimmen in Friesdorf II

    Bei der Volksabstimmung vom 12. November 1933 stimmen im Stimmbezirk Friesdorf II 100 von 1.455 Wählern mit Nein – nach Lannesdorf der zweithöchste Nein-Anteil im Amt Godesberg; in Friesdorf I sind es 17.

    Band I · Kapitel 8

  10. Jan.–März 1934

    Hitlerjugend gegen katholische Jugend

    Zwischen dem 14. Januar und dem 3. März 1934 zählte der Godesberger Pfarrjugendführer Aloys Seul zehn Übergriffe der HJ auf die katholische Jugend; danach wurde ihr jede öffentliche Betätigung untersagt.

    Band I · Kapitel 8

    Die Übergriffe reichten vom Abreißen des Kreuzes am Revers bis zum Verprügeln einzelner Jungen nach Heimabenden, vornehmlich am Klufterhof. Dem Friesdorfer Toni Goi bot man eine Stelle bei der Post nur an, wenn er „das blaue Hemd“ aus- und „das braune“ anziehe; er verzichtete. Schon zum Christkönigsfest 1933 oder 1934 hatte ein HJ-Fähnlein die Friesdorfer Sturmschar, die „Turmhausfalken“, überfallen; ihr Banner konnten sie am nächsten Morgen auf dem Bürgermeisteramt abholen. Keiner vom harten Kern der 15 Friesdorfer Sturmschärler trat zur HJ über. Die katholische Jugend der Umgebung traf sich fortan im Verborgenen, etwa auf Schloss Drachenburg oder im Aloisius-Kolleg.

  11. 22. Mai 1934

    Rektor Weißenfels wird zum Lehrer degradiert

    Am 22. Mai 1934 versetzte der preußische Kultusminister den Friesdorfer Rektor Joseph Weißenfels auf Grund des Berufsbeamtengesetzes in das Amt eines einfachen Volksschullehrers.

    Band I · Kapitel 8

    Wirksam wurde die Degradierung am 1. Mai 1935: Weißenfels musste als einfacher Lehrer an der Schule weiterarbeiten, die er bisher geleitet hatte. Er war Zentrumsmitglied, trat aus dem umbenannten „Stahlhelm“ aus, arbeitete mit den Ortsgeistlichen zusammen und hielt seine drei Kinder von Funktionen in HJ und BdM fern. Der NSDAP gehörte er nicht an. Das Bild hat Brüche: Beim Martinsfest 1933 sprach er von der „vom Führer Adolf Hitler erstrebten Volksgemeinschaft“. Auch Rektor Heinrich Schieffer von der Burgschule wurde 1934 zurückversetzt. 1945 wurde Weißenfels Schulrat des Kreises Köln-Land.

  12. 9. Mai 1936

    Hochverratsprozess gegen Friesdorfer Kommunisten

    Am 9. Mai 1936 verurteilte der V. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm in Bonn 71 von 74 Angeklagten, darunter Friesdorfer Kommunisten um Matthias Kraus und Ferdinand Latz.

    Band I · Kapitel 8

    Die Friesdorfer KPD-Basis hatte sich im Untergrund neu formiert. Fahrer der Kölner Auermühle brachten mit dem Mehl für die Bäcker Zeitungen an die Arbeitsstelle von Matthias Kraus; Ferdi Latz verteilte sie in Godesberg. Nach der Festnahme eines Kölner Kuriers im Juni 1935 folgten rund 150 Festnahmen im Bonner Raum. Kraus erhielt vier Jahre Zuchthaus, Latz sechs, Franz Rehfeld zweieinhalb, der in Friesdorf geborene Servatius Güssgen anderthalb Jahre. Franz Pick saß 1935 sechs Monate in Schutzhaft. Kraus kam nach Schwalb 1943 in die Bewährungseinheit 999 und blieb nach seinem letzten Brief von der Insel Kos verschollen.

  13. 3. Febr. 1937

    Friesdorfer Ortsausschuss wird aufgelöst

    Am 3. Februar 1937 löste Zellenleiter P. Kläser im Auftrag von Ortsgruppenleiter Johann Füssenich den Friesdorfer Ortsausschuss auf, den Zusammenschluss der Ortsvereine.

    Band I · Kapitel 8

    Anfang 1935 waren die Ortsgruppen Plittersdorf und Friesdorf zur Ortsgruppe Godesberg-Nord zusammengelegt worden; bei dem Festakt im Ännchensaal, über den der General-Anzeiger am 11. März 1935 berichtete, verabschiedete sich Heinrich Peters von seiner Ortsgruppe. Leiter wurde Johann Füssenich, seit 1932 NSDAP-Mitglied. Bis 1938 hatte Friesdorf keine eigene Ortsgruppe. Der Ortsausschuss hatte im Dezember 1933 noch die gemeinsame „deutsche Weihnacht“ der Vereine ausgerichtet, angeregt von Kreisbauernführer Theodor Peters. Ob der „Zellenleiter P. Kläser“ Peter Kläser sen. oder sein gleichnamiger Sohn war, lässt sich nicht entscheiden.

  14. Febr. 1938

    Gestapo löst den Jungmännerverein auf

    Im Februar 1938 löste die Gestapo den katholischen Jungmännerverein Friesdorf auf und beschlagnahmte die geweihte Kirchenfahne, Möbel und die Kasse mit 3,13 Mark.

    Band I · Kapitel 8

    Der Verein zählte nur noch wenige Mitglieder. Schon am 4. Juni 1936 hatte die Schulchronik vermerkt, sämtliche Jungen und Mädchen über zehn Jahre seien „in der Hitlerjugend“. Im August 1938 nahm die Heeresstandortverwaltung den Saal des katholischen Vereinshauses in Anspruch; die Schule verlor damit ihren Turnsaal. Am 18. April 1939 notierte die Chronik: „Statt der kath. Volksschule gibt es nur noch die deutsche Schule.“ Aus der katholischen Volksschule war damit eine staatliche „deutsche Schule“ geworden.

  15. Okt. 1938

    Eigene Ortsgruppe Bad Godesberg-Friesdorf unter Schwarz

    Bei der Neueinteilung der Godesberger Ortsgruppen im Oktober 1938 erhielt Friesdorf wieder eine eigene NSDAP-Ortsgruppe; Leiter wurde der städtische Kassenbeamte Heinrich Josef „Heinz“ Schwarz.

    Band I · Kapitel 8

    In den Erinnerungen der Zeitzeugen erscheint er als „Franz Schwarz“. Der Ortsgruppe unterstanden 1939 die Zellen 6 bis 8; ihre Geschäftsstelle lag 1939 in der Bonner Straße 43. Im Februar 1939 hielten die drei Zellen einen gemeinsamen Zellenabend im Lokal Franz Heubach an der Annaberger Straße ab. Für Friesdorf ist Schwarz sicher bis Juli 1942 belegt, im September 1944 amtierte er als Ortsgruppenleiter. Laut Schwalb hatte er im Krieg in mehr als 100 Friesdorfer Familien die Nachricht vom „Heldentod des Sohnes oder Vaters“ zu überbringen. Die NS-Volkswohlfahrt der Ortsgruppe leitete von 1940 bis März 1945 Stadtsekretär Peter Schneider.

  16. Nov. 1938

    Jüdische Familien: Verfolgung, Festnahme, Flucht

    Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Arzt Dr. Arthur Samuel festgenommen, der mit seiner Familie erst am 5. Oktober 1938 nach Friesdorf gezogen war.

    Band I · Kapitel 8

    Samuel, zehn Jahre lang Vorsitzender der Synagogengemeinde Bonn, hatte 1938 seine Bonner Praxis aufgeben und sein Haus verkaufen müssen. Als Vorsitzender kam er frei, weil er die Angelegenheiten der Gemeinde weiter regeln sollte. Einige Monate später gelang der Familie nach seiner erneuten Verhaftung die Flucht über die Niederlande in die USA. Der in Friesdorf geborene Metzgermeister Otto Jülich war schon im Januar 1938 in die USA emigriert, nachdem Boykott und Zuteilungssperren ihn zur Geschäftsaufgabe gezwungen hatten. Der jüdische Arzt Dr. Weck von der Annaberger Straße 169 musste nach dem Berufsverbot Friesdorf verlassen.

  17. Juli 1940

    Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im Dorf

    Von Mitte Juli 1940 an sind über 30 polnische Kriegsgefangene, die schon bei den Friesdorfer Bauern arbeiten, im großen Saal des katholischen Vereinshauses untergebracht. Ausländische Arbeitskräfte arbeiten fortan auf Höfen und in Betrieben Friesdorfs.

    Band I · Kapitel 8

    Nach den Listen der Landkrankenkasse arbeiteten sie auch bei den NS-Funktionären selbst: vier bei Kreisbauernführer Theodor Peters auf dem Klufterhof, drei bei Peter Hermanns, zwei beim Ortsbauernführer Ernst Klein. Peters mahnte im Februar 1941, „die Polen nicht wie Familienangehörige zu behandeln“. Auf dem Gelände des Godesia-Werks bestand ein Lager für etwa 30 italienische Kriegsgefangene. Der polnische Landarbeiter Jan Deplewski, In der Kumme 1, kam 1941 und 1943 in Gestapo-Haft; zuletzt wurde er „wegen Arbeitswiderwilligkeit und tätl. Angriffs gegen den Bauer“ festgenommen und in ein Arbeitserziehungslager gebracht. Er überlebte.

  18. Nacht zum 6. April 1942

    Erste schwere Bomben: Schäden an der Arndtruhe

    In der Nacht zum 6. April 1942 fielen drei Sprengbomben, darunter eine Luftmine, auf Friesdorf. Mehrere Häuser an der Arndtruhe wurden stark beschädigt, 80 Menschen obdachlos.

    Band I · Kapitel 8

    Nach der Schulchronik gingen 20 Schaufenster zu Bruch, viele Dächer wurden abgedeckt; Menschen kamen nicht ums Leben. 80 Obdachlose entsprachen etwa zwei Prozent der Einwohnerschaft. Schon in der Nacht zum 6. August 1941 hatte der Luftschutz für Godesberg-Friesdorf drei Sprengbomben und einige Brandbomben mit großem Sachschaden in einer Fabrik gemeldet; im Herbst 1941 fielen nach der Schulchronik die ersten Bomben, „ohne großen Schaden zu hinterlassen“. Im Winter 1942 musste die Schule Koks sparen: Zehn Klassen wurden in sechs Räumen unterrichtet, vom 16. Februar bis 3. März gab es Kohleferien.

  19. 15. Juni 1942

    Deportation von Ella Maria Michaelis und Henriette Heumann

    Am 15. Juni 1942 wurde Ella Maria Michaelis aus der Kumme in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, am selben Tag die in Friesdorf geborene Henriette Heumann ab Köln nach Theresienstadt.

    Band I · Kapitel 8

    Für Ella Maria Michaelis, 1880 in Köln geboren, ist kein Todesdatum überliefert; vor dem Haus In der Kumme 119 erinnert ein Stolperstein an sie. Henriette Heumann, 1861 in Friesdorf geboren und zuletzt in Bonn und Beuel wohnhaft, starb am 5. Juli 1942 in Theresienstadt. Die in Friesdorf geborene Carolina Wolkenaer geb. Leib wurde am 28. Oktober 1943 ab Köln deportiert und starb am 23. Januar 1944 in Theresienstadt. Eine „Jüdin Frau Fischer von der Annaberger Straße 47“ nahm sich nach Schwalb das Leben, bevor sie von Bonn abtransportiert werden sollte, vermutlich 1941 oder 1942.

  20. Nacht zum 17. April 1943

    Luftmine auf die Klufterstraße: 26 Tote

    In der Nacht zum 17. April 1943 warf ein einzelnes Flugzeug der RAF eine Luftmine auf die Klufterstraße. 26 Menschen starben, darunter vier Schüler der Friesdorfer Volksschule.

    Band I · Kapitel 8

    Die Lancaster W4783 „G-George“ fand bei der Operation „Frothblower“ gegen die Škoda-Werke in Pilsen ihr Ziel nicht und griff auf dem Rückflug ein Ausweichziel an, das die Besatzung für Koblenz hielt – nach dem Logbuch „vermutlich über Koblenz“. Die 1,8 Tonnen schwere Mine wurde nicht gezielt auf Friesdorf abgeworfen. Besonders getroffen wurden die Familien Fandel, Wiesel, Krieger und Poppelreuter; die Mine zerstörte unter anderem das Haus der Gaststätte Nothbaum. Die Feuerwehr war mit 77 Helfern im Einsatz, Matthias Kraus half bei der Bergung Verwundeter. Bürgermeister Alef erklärte im Nachruf der Stadt, die Toten seien „im Kampf für Deutschlands Freiheit“ gestorben.

    Titelbild des Hefts „Der Bombenkrieg über Friesdorf 1941–1945“.
    Titelbild des Hefts „Der Bombenkrieg über Friesdorf 1941–1945“. Friesdorf-Verlag
  21. 1943/44

    Luftschutz: Stollen, Bierkeller und Splittergräben

    Nach dem Angriff auf die Klufterstraße verstärkten die Friesdorfer 1943 ihre Keller, trieben Stollen in den Berg und richteten ehemalige Bierkeller als Luftschutzräume her.

    Band I · Kapitel 8

    Nach der Schulchronik wurde an der Arndtruhe ein ehemaliger Bierkeller als Luftschutzstollen hergerichtet, ebenso einer im Oberdorf; auch der Felsenkeller der Brauerei im Klufterbachtal diente im Krieg den umliegenden Anwohnern als Luftschutzbunker. Auf dem Schulhof und auf dem Schlageterplatz entstanden drei Meter tiefe Splittergräben mit Betondecke; die Gräben am Schlageterplatz stellten 1944 holländische Fremdarbeiter fertig. Wegen der Tagesangriffe mussten die Kinder oft stundenlang in den Luftschutzkeller. Im Herbst 1944 wurde der Unterricht nicht wieder aufgenommen: Die Luftangriffe ließen „einen geordneten Unterricht nicht mehr zu“.

  22. 5. Dez. 1943

    Tod des Anstaltspatienten Hubert Stoßdorf

    Am 5. Dezember 1943 starb der siebzehnjährige Friesdorfer Hubert Stoßdorf in der Alexianer-Anstalt Mönchengladbach – als Anstaltspatient in der Zeit der nationalsozialistischen Krankenmorde.

    Band I · Kapitel 8

    Hubert Stoßdorf, 1926 in Friesdorf geboren, litt an tuberöser Sklerose mit epileptischen Anfällen. Ab 1938 lebte er im Franz-Sales-Haus in Essen, aus dem in diesen Jahren Hunderte Bewohner verlegt und viele getötet wurden, ab August 1942 in Mönchengladbach. Als Todesursache wurden „nach offiziellen Angaben“ tuberöse Sklerose, epileptische Anfälle und Bauchfellentzündung angegeben. Ob sein Tod herbeigeführt wurde, lässt sich ohne Krankenakte nicht klären. Ein Opfer der „Aktion T4“ war er nicht; er gehört zu den Opfern der NS-Verfolgung kranker und behinderter Menschen. Seit 2023 erinnert ein Stolperstein am Frankengraben 40 an ihn.

  23. 22. Aug. 1944

    „Aktion Gitter“: Verhaftungen in Friesdorf

    Am 22. August 1944 verhaftete die Gestapo in der „Aktion Gitter“ auch in Friesdorf frühere Mandatsträger und Funktionäre, darunter den Lehrer und früheren Zentrumsvorsitzenden Joseph Roth.

    Band I · Kapitel 8

    Mit Roth wurden der KAB-Vorsitzende Johann Schwalb und das frühere SPD-Mitglied Caspar Emsbach festgenommen; Schwalb kam wegen eines Nierenleidens nach drei Tagen frei. Josef Berg hatte Roth um Mitternacht gewarnt; eine Flucht hätte Sippenhaft bedeuten können. Nach dem Bericht Wilhelm Roths soll Ortsgruppenleiter Schwarz an der Liste beteiligt gewesen sein; ein Schreiben von 1948 nennt dafür allein eine Besprechung mit Alef. Schwarz bestritt die Vorwürfe, mehrere Zeugen entlasteten ihn. Roth kam über das Bonner Gestapohaus und das Kölner Messegelände am 16. September 1944 nach Buchenwald (Häftlingsnummer 81555). Sein zwölfjähriger Sohn Wilhelm wurde in Köln eingesperrt und verhört.

  24. 21. Dez. 1944

    Bomben zerstören die Pfarrkirche St. Servatius

    Am Abend des 21. Dezember 1944 wurde die Pfarrkirche St. Servatius zerstört; nur der Turm blieb stehen. In den Trümmern starb der Küster, Organist und Chorleiter Johannes Schmitt.

    Band I · Kapitel 8

    Schmitt war in der Kirche mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest beschäftigt. Am Abend dieses Tages griff die Royal Air Force mit 97 Lancaster-Bombern und 17 Mosquitos die Bahnanlagen in Bonn an; wegen geschlossener Wolkendecke fielen die Bomben ungezielt. Nach Datum und Tageszeit geht die Zerstörung der Kirche sehr wahrscheinlich auf diesen Angriff zurück. Beim selben Angriff wurden das Turmhaus und das Haus der Gaststätte Stuch schwer beschädigt. Die Gemeinde feierte die Gottesdienste zunächst in der Hauskapelle des Paula-Maria-Stifts, danach in einer Notkirche im Tanzsaal der Gaststätte Jakob Huth. Die wiederaufgebaute Kirche wurde am 22. Dezember 1950 eingesegnet.

    Die zerstörte Pfarrkirche St. Servatius im alliierten Aufklärungsluftbild vom 13. Februar 1945 (Ausschnitt).
    Die zerstörte Pfarrkirche St. Servatius im alliierten Aufklärungsluftbild vom 13. Februar 1945 (Ausschnitt). Alliiertes Luftbild · Auswertung Friesdorf-Verlag
  25. 22. Jan. 1945

    Tod von Joseph Roth nach der KZ-Haft

    Am 22. Januar 1945 starb Joseph Roth in Friesdorf, knapp drei Monate nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald. Er wurde 48 Jahre alt.

    Band I · Kapitel 8

    Roth war Ende Oktober 1944 nach der Familienüberlieferung von 110 auf 48 Kilogramm abgemagert heimgekehrt, „gebrochen an Leib und Seele“. Den Volkssturmdienst musste er nach drei Tagen aufgeben. Am 27. Januar 1945 durfte er nur frühmorgens in aller Stille auf dem Friesdorfer Friedhof beigesetzt werden; Nachbarkinder zogen den Sarg auf einem Doppelschlitten. Der Totenzettel durfte die Wahrheit nicht nennen: Er sprach von einem Tod „infolge seiner bei den letzten Fliegerangriffen stark erschütterten Gesundheit“. Heute erinnern die Joseph-Roth-Straße, ein Ehrengrab und zwei Stolpersteine an ihn.

  26. 4. Febr. 1945

    Bomben zerstören das Hotel Arndtruhe

    Am 4. Februar 1945 zerstören Fliegerbomben das Hotel-Restaurant Arndtruhe am Klufterbach; es wird nicht wieder aufgebaut. Am selben Tag vernichten Brandbomben das katholische Vereinshaus Im Bachele.

    Band II · Kapitel 14

    Schon in der Nacht zum 6. April 1942 waren mehrere Häuser an der Arndtruhe stark beschädigt worden. Heute erinnern die Wohnstraße „An der Arndtruhe“ und die Felsenkeller an den Ort.

  27. 6.–8. März 1945

    Alef flieht, Bad Godesberg wird kampflos übergeben

    Bürgermeister Alef verließ die Stadt am 6. März 1945. Am frühen Morgen des 8. März besetzten amerikanische Truppen Bad Godesberg ohne Kampf.

    Band I · Kapitel 8

    Alef erklärte den Bürovorstehern, es sei „nicht Feigheit, sondern Selbsterhaltungstrieb“, und übergab die Geschäfte formlos an den Beigeordneten Heinrich Ditz. Die Übergabe kam unter Beteiligung von Kampfkommandant Generalleutnant Richard Schimpf, Ditz und dem Schweizer Konsul v. Weiß zustande; Schimpf ergab sich Oberstleutnant Frank L. Gunn. Von der Partei war in diesen Tagen niemand mehr zu sehen. In Friesdorf bezog am 8. März ein deutsches Geschütz mit sechs Granaten am Schlageterplatz Stellung; mit drei Flaschen Wein bewegte die Bevölkerung die Geschützbedienung zum Abzug.

  28. 9. März 1945

    Amerikaner in Friesdorf, Ditz wird Bürgermeister

    Nach den amerikanischen Gefechtsberichten besetzte am 9. März 1945 eine Kompanie der 7th Armored Division Friesdorf ohne Widerstand. Als Bürgermeister setzten die Amerikaner Heinrich Ditz ein.

    Band I · Kapitel 8

    Die B-Kompanie des 48th Armored Infantry Battalion rückte von Ippendorf aus vor, „met no opposition and took Friesdorf“. Nach der Lokalüberlieferung standen amerikanische Panzer schon am 8. März beim Klufterhof; wahrscheinlich wurde der südliche Teil des Ortes am 8., der übrige am 9. März erreicht. Ditz, schon am 8. März vom Stadtkommandanten Captain Carrier ernannt, war bis 1933 Bürgermeister des Amtes Bornheim gewesen; die Nationalsozialisten hatten ihn im Mai 1933 abgesetzt und nach Duisdorf versetzt, wo er 1934 erneut entlassen wurde. Am 31. März 1945 wurde er vorläufig seines Amtes enthoben. Die Militärregierung verhängte eine Ausgangssperre. Unter den Zwangsarbeitern grassierte Fleckfieber. Der Deserteur Fritz Sieger konnte sich wieder frei bewegen.

    Friesdorf im Luftbild von 1945.
    Friesdorf im Luftbild von 1945. Archiv A. Giersberg

Band I · Kapitel 9 · 12 Stationen

Bonner Republik 1945–1999

Friesdorf in der Nachkriegszeit und in der Bonner Republik

  1. 1. Mai 1945

    Notkirche im Tanzsaal der Gaststätte Huth

    Die Pfarrkirche liegt in Trümmern; mit Vertrag vom 22. April 1945 pachtet die Gemeinde ab dem 1. Mai den Tanzsaal der Gaststätte Jakob Huth am Waasem. Nach dem Umbau weiht Dechant Heimbach die Notkirche am 7. Oktober 1945 ein.

    Band I · Kapitel 9

    Zuvor war die Gemeinde neun Monate lang auf drei Notgottesdiensträume verteilt: die Hauskapelle des Paula-Maria-Stifts, den Saal des evangelischen Gemeindehauses und das Pfarrheim. Der Pachtvertrag über 200 Reichsmark im Monat galt zehn Jahre oder bis zur Fertigstellung einer neuen Kirche und schloss jeden Wirtschaftsbetrieb im Haus aus. Pfarrer Josef Kelzenberg führte die Pfarre durch die ersten Entbehrungsjahre. Weil auch alle anderen Friesdorfer Säle zerstört waren, ließ die Stadt Bad Godesberg 1948/49 an der Margaretenstraße die Baracke „Margaretenhof“ als Provisorium aufstellen.

  2. 1944/1948

    Bomben, Auszug, Wiederaufbau

    Am 21. Dezember 1944 treffen Bomben Friesdorf; der Turmhof wird so beschädigt, dass die Mieter ausziehen müssen. 1948 wird er wieder aufgebaut – mit einem Pyramidendach.

    Band II · Kapitel 12

    Das Mansarddach aus dem 19. Jahrhundert war zerstört. Dass das Haus gerettet wurde, ist dem Landschaftsverband Rheinland, der Stadt Bad Godesberg und dem damaligen Eigentümer zu verdanken; er drängte auf den Wiederaufbau, weil so drei Familien wieder eine Wohnung erhalten konnten. Das Amt des Landeskonservators und die Friesdorfer Baufirma Noisten und Walbröhl stellten den Bau wieder her. Heute ist das Turmhaus ein denkmalgerecht saniertes Privatwohnhaus und Hauptmotiv des Ortswappens.

  3. 29. Febr. 1948

    Der Ortsausschuss lebt wieder auf

    Elf Jahre nach der Auflösung beschließt eine Versammlung aller Friesdorfer Vereine die Wiederbelebung des Ortsausschusses; der frühere Vorstand wird wieder eingesetzt.

    Band I · Kapitel 9

  4. 10. Mai 1949

    Bonn wird vorläufige Bundeshauptstadt

    Der Parlamentarische Rat entscheidet in der Pädagogischen Akademie, keine 2 km von der Friesdorfer Gemarkungsgrenze, Bonn zur vorläufigen Bundeshauptstadt zu machen.

    Band I · Kapitel 9

    Friesdorf lag in der „Enklave Bonn“, in der Bundesregierung, Bundestag, Bundesministerien und die Alliierte Hohe Kommission ihren Sitz nahmen. Für den Ortsteil, der 1948 knapp 4.000 Einwohner zählte, war das binnen Monaten spürbar: Die Landstraße zwischen Bonn und Bad Godesberg, die spätere B 9, wurde zur Hauptachse zwischen Bundeshaus und Petersberg. Der Volksmund nannte sie „Diplomaten-Rennbahn“.

  5. Februar 1950

    Die „Französische Siedlung“ am Klufterhof

    Im Februar 1950 beginnt der Bau der Siedlung Klufterhof, des ersten Abschnitts im „Wohnungsbauprogramm Hohe Kommission“; Ende Juli 1950 sind 130 Wohnungen fertig.

    Band I · Kapitel 9

    Gebaut wurde zwischen Hochkreuzallee, Klufterstraße, In der Maar und In der Kumme. Die Rohbauten standen nach dreißig Tagen, am 27. April 1950 wurde Richtfest gefeiert. Weil die Amerikaner verzichteten, wurde die Siedlung an Angehörige der britischen und französischen Besatzungsmacht vergeben; im September 1950 erhielten die englischen Kinder dort eine fünfklassige Schule. In Friesdorf heißt sie „Französische Siedlung“; mit dem Einzug der Franzosen wurde das Hotel Drachenfels in Mehlem frei.

    Die »Französische Siedlung« kurz nach ihrer Fertigstellung im Juli 1950.
    Die »Französische Siedlung« kurz nach ihrer Fertigstellung im Juli 1950. Archiv Andreas H. Giersberg
  6. 22. Dezember 1950

    Wiederaufgebaute Pfarrkirche St. Servatius eingesegnet

    Sechs Jahre nach der Zerstörung segnet Pfarrer Josef Kelzenberg die neue Pfarrkirche ein und feiert am Abend die erste heilige Messe.

    Band I · Kapitel 9

    Nach dem ersten Spatenstich am 11. September 1949 legte Domkapitular Prälat Dr. Wilhelm Corsten am 30. Oktober 1949 den Grundstein; die Pläne stammten vom Kölner Baurat Otto Bongartz. Der Neubau nahm die Fluchten der neugotischen Hallenkirche auf, wurde aber nach Westen erweitert, weil die Gemeinde durch den Zuzug Heimatvertriebener stark gewachsen war. Die barocke Servatius-Statue kehrte zurück. Die Konsekration vollzog Weihbischof Joseph Ferche am 16. November 1952.

  7. 1960

    Evangelische Pauluskirche eingeweiht

    An der Straße In der Maar wird die evangelische Pauluskirche eingeweiht, ein Entwurf des Krefelder Architekten Ernst Fohrer.

    Band II · Kapitel 16

    Gegenüber steht das 1937 erbaute Maarhaus, der erste evangelische Versammlungsort Friesdorfs. Nach dem Krieg wuchs die Gemeinde durch Vertriebene und durch zuziehende Bundesbeamte. Der kubische Klinkerbau mit freistehendem hellem Turm erhielt 1966 eine Orgel der Göttinger Werkstatt Paul Ott und 1985 Fenster von Reimund Franke. 2003 schloss sich die Paulus-Kirchengemeinde mit der Christus-Kirchengemeinde Plittersdorf zur Thomas-Kirchengemeinde zusammen.

  8. 1961

    Vom Waasem zum Klufterplatz

    Die alte Gastwirtschaft Huth wird samt Saal abgebrochen; der Dorfplatz am Waasem erhält Brunnen, Bäume und den Namen „Klufterplatz“.

    Band I · Kapitel 9

    Seit 1950 hieß der Platz „Joseph-Roth-Platz“. Viele Friesdorfer freundeten sich mit dem Namen nicht an; nach einer Bitte des Ortsausschusses hob der Stadtrat ihn 1956 wieder auf. An Huths Stelle entstand ein Wohn- und Geschäftshaus mit der neuen Gastwirtschaft Huth und dem INFAS-Institut. Der neue Platzname erinnert an den Klufterhof und die Klufterstraße; einer der beiden Brunnen wurde nach dem Stadtverordneten Wilhelm Windeck benannt.

    Die alte Gaststätte Huth am 2. Juni 1961.
    Die alte Gaststätte Huth am 2. Juni 1961. Foto: Andreas Giersberg
  9. 1969–1975

    Kreuzbauten für die Bundesministerien

    An der heutigen Heinemannstraße entstehen zwei kreuzförmige Hochhäuser – die ersten Neubauten, die in Bonn eigens für Bundesministerien errichtet wurden.

    Band I · Kapitel 9

    Der Masterplan des Architekten Joachim Schürmann sah sieben solcher „Kreuzbauten“ für sämtliche Bundesministerien vor; gebaut wurden nach Entwurf der Planungsgruppe Stieldorf nur zwei, mit fünfzehn und dreizehn Stockwerken. Sie behielten auch nach 1999 ihre ministerielle Nutzung, heute unter anderem für das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. 2004 wurde das Ensemble unter Denkmalschutz gestellt.

  10. 1. August 1969

    Friesdorf wird mit Bad Godesberg Teil Bonns

    Mit dem Bonn-Gesetz wird die Stadt Bad Godesberg, zu der Friesdorf seit 1904 gehört, Stadtbezirk der neuen kreisfreien Stadt Bonn.

    Band I · Kapitel 9

    Für Friesdorf war es die zweite Eingemeindung in 65 Jahren. Vorgesehen war der 1. Juli; der Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen hatte den Vollzug jedoch für einen Monat ausgesetzt. Die Gemarkung Friesdorf besteht im Liegenschaftskataster bis heute. Im November 1969 (nach anderer Angabe am 29. Oktober) schloss sich der Friesdorfer Spar- und Darlehnskassenverein mit der Spar- und Kreditbank Mehlem zur Bad Godesberger Kreditbank zusammen.

  11. 15. August 1981

    Indische Karmeliter übernehmen St. Servatius

    Der Erzbischof ernennt Pater Jacob Thanniyil CMI zum Pfarrverweser. Friesdorf wird die erste Pfarrei in Deutschland, die dem Orden Carmelites of Mary Immaculate anvertraut ist.

    Band II · Kapitel 16

    Die Ordensgemeinschaft der syro-malabarischen Kirche war 1831 in Kerala gegründet worden; seit 1957 studierten CMI-Patres in Bonn. 1983 schlossen Erzbistum und Orden den Vertrag, 1984 wurde die Pfarre förmlich übertragen; über fünfundzwanzig Jahre galt Bonn-Friesdorf als deutsche Zentrale des Ordens. Zum 1. Januar 2009 ging die Pfarrei in der Kirchengemeinde St. Marien und St. Servatius auf. Am Silvesterabend 2010 feierten die indischen Priester ihre letzte Messe in St. Servatius.

  12. 1957/1981

    Das Original zieht ins Museum

    Im Oktober 1981 wird das originale Hochkreuz im Rheinischen Landesmuseum Bonn wieder aufgebaut. Am Straßenrand steht seither eine maßstabsgetreue Nachbildung.

    Band II · Kapitel 13

    Für den Ausbau der Bundesstraße 9 war das Kreuz 1956/57 aus der Mitte der alten Wegekreuzung versetzt worden; bis dahin hatte es auf Friesdorfer Gemarkung gestanden. Erschütterungen durch Lastzüge und Straßenbahnen und die Luftverschmutzung setzten dem Stein zu, 1978 drohten Teile herabzustürzen. Ab August 1979 wurde das Kreuz zerlegt und in Kölner Werkstätten restauriert. Die Nachbildung steht an der Godesberger Allee 97.

Band I · Kapitel 10 · 4 Stationen

Berliner Republik seit 1999

Friesdorf in der Berliner Republik

  1. 8. September 1999

    Regierungsumzug: Ende der Bonner Republik

    Der Bundestag hält seine erste reguläre Arbeitssitzung im umgebauten Berliner Reichstagsgebäude ab; zu einer ersten Sitzung war er dort schon am 19. April 1999 zusammengetreten. Für Bonn und Friesdorf endet die Hauptstadtzeit.

    Band I · Kapitel 10

    Den Umzug hatte der Bundestag am 20. Juni 1991 mit 338 zu 320 Stimmen beschlossen.

  2. Juni 2004

    Friesdorf erhält ein Ortswappen

    Der Ortsausschuss Friesdorf führt das heutige Ortswappen ein: in Rot das goldene Turmhaus mit Torbogen, im Schildhaupt das Kurkölnische Kreuz.

    Band I · Kapitel 10

    Über einem grünen Dreiberg – Klufterberg, Annaberg und Kahlenberg – stehen das goldene Turmhaus und der angebaute goldene Torbogen; das silberne Schildhaupt trägt das schwarze Kurkölnische Kreuz. Die Idee stammte von Alfred Giersberg, dem damaligen Vorsitzenden des Ortsausschusses; entworfen und umgesetzt hat das Wappen der Grafikdesigner Wolfgang Klaile. Der 1929 gegründete Ortsausschuss ist seit 2010 ein eingetragener Verein.

    Das Friesdorfer Ortswappen von 2004.
    Das Friesdorfer Ortswappen von 2004. Ortsausschuss Friesdorf
  3. 2020–2022

    Pandemie: Die Kirmes fällt zweimal aus

    Die Covid-Pandemie legt Vereins- und Kirchenleben still; die Friesdorfer Kirmes fällt 2020 und 2021 aus und kehrt im Mai 2022 auf den Margaretenplatz zurück.

    Band I · Kapitel 10

    Die Kirmes, traditionell um das Patronatsfest des heiligen Servatius im Mai gefeiert, erlebte damit ihre erste längere Unterbrechung seit den Weltkriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren. Auch der Karneval der KG Kleffbotze ruhte; der Männerchor setzte seine Proben aus und sang später bei „Fensterkonzerten“ unter freiem Himmel. Das Bonner Impfzentrum entstand im World Conference Center im nahen Bundesviertel.

  4. Herbst 2022

    Römische Fußbodenheizung unter der Pfarrer-Merck-Straße

    Bei Leitungsarbeiten an der Pfarrer-Merck-Straße kommt ein fast vollständig erhaltener römischer Saal mit Apsis und Fußbodenheizung zutage – einzigartig ist nach der Ausgräberin, dass Heizanlage und Nutzungsebene als zusammenhängender Befund erhalten sind.

    Band I · Kapitel 1

    Unter dem 15 Zentimeter starken roten Estrich standen Pfeiler aus je 13 Ziegeln, 0,65 Meter hoch; die Pfeilerfläche maß 6 × 6,5 Meter. Eine Kamera befuhr den Hohlraum. Funde aus dem Hof, darunter eine Münze Kaiser Valentinians I. (364–375), zeigen, dass die Villa bis ins ausgehende 4. oder beginnende 5. Jahrhundert genutzt wurde. Nach der Dokumentation wurde der Hohlraum verfüllt; der Saal bleibt im Boden erhalten.

Die ganze Geschichte

Zwei Bände, zwei Jahrtausende

Jede Station dieses Zeitstrahls ist ein kurzer Auszug aus der zweibändigen Geschichte von Friesdorf: Band I erzählt die Epochen von den Römern bis heute, Band II führt in sieben Studien zu Klufterhof, Turmhaus, Hochkreuz, Brauerei mit Felsenkeller und Arndtruhe, Pützberg, den Friesdorfer Kirchen und zum Weinbau.

Zu den Büchern Bände vormerken

Buchcover: Geschichte von Friesdorf, Band I Buchcover: Geschichte von Friesdorf, Band II

So entstand dieser Zeitstrahl

Alle Angaben stammen aus den Kapiteln der beiden Bände und sind dort mit Quellen belegt. Wo das Buch vorsichtig formuliert, tut es auch der Zeitstrahl: Stationen mit dem Zusatz wahrscheinlich oder Deutung beruhen auf begründeten Schlüssen, nicht auf einer Urkunde. Sagen und unbelegte Überlieferungen sind nicht aufgenommen.

Urheberrecht und Nutzung

© 2026 Andreas Heinrich Giersberg, Friesdorf-Verlag, Bonn. Alle Rechte vorbehalten. Texte, Auswahl und Anordnung der Stationen sowie die Gestaltung dieses Zeitstrahls sind urheberrechtlich geschützt (§§ 2 und 4 Urheberrechtsgesetz); die Zusammenstellung ist zudem als Datenbank geschützt (§§ 87a ff. UrhG). Jede Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche Zugänglichmachung, Bearbeitung oder sonstige Verwertung – ganz oder in Teilen, auch in elektronischer Form – bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Rechteinhabers. Unberührt bleiben die gesetzlich erlaubten Nutzungen, insbesondere das Zitat mit Quellenangabe (§ 51 UrhG).

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